19.05.2009 – Wellpappe Report 2/2009

Internet-Trend "Unboxing": Wellpappe ist der heimliche Star

Sie kennen das: Wackelige Aufnahmen zeigen, wie nervöse Hände an Verpackungen herumnesteln, das Packstück drehen und wenden und neugierig betasten, bevor sie es endlich aufreißen.

 

Früher waren das Videos vom letzten Kindergeburtstag, als Klein-Lisa ihre Geschenkpakete und Überraschungseier ausgepackt hat. Heute sind es Auspackrituale, die erwachsene Männer für ihre neu erworbenen Elektronikprodukte mehr oder weniger kunstvoll inszenieren, filmen und ins Internet stellen. Mehr als 19.000 so genannter „Unboxing"-Videos, in denen die Verpackung in kleinen Schritten vom Objekt gelöst wird, sind allein bei YouTube zu bewundern. Auspacken als reiner Kinder-Spaß ist passé, als technisch überhöhte Männersache liegt es voll im Trend.

 

Auspacken als Zeremonie

Die Enthüllung vor den Augen der weltweiten Internetgemeinde ist vor allem eine Domäne der Computerfreaks. Zwar kann theoretisch alles beim Auspacken gefilmt werden, was in einen Karton passt, aber in der Praxis handelt es sich fast ausschließlich um Elektronikgeräte: Computer, Fernsehgeräte und Handys machen gefühlte 90 Prozent der im Internet enthüllten Objekte aus, Produkte des Herstellers Apple überwiegen dabei. Eingefleischte Mac-Nutzer sind bekannt dafür, um ihre Computermarke einen quasi-religiösen Kult zu betreiben. Vor allem die Inbetriebnahme und das vorangestellte Auspacken des neuen iMacs, iPhones oder iPods wird in einer Zeremonie zelebriert, an der andere Jünger der Macintosh-Gemeinde teilnehmen. Hier liegen die Ursprünge des Unboxing-Phänomens: Für Apple-Fans liegt es nahe, die gesamte Welt via Internet am Ritual des Auspackens teilhaben zu lassen. Inzwischen haben sich einschlägige Websites wie www.unboxing.com oder www.itsunboxed.com etabliert, die ausschließlich solche Videos zeigen.

 

Ob Handy oder Flachbildschirm, fast immer ist eine maßgenau gestaltete Wellpappenverpackung der heimliche Star der Bilder. Während Rechner und Notebooks in stabilen Wellpappenkisten im jeweiligen Markendesign daher kommen, betreten iPods oder Spielkonsolen darüber hinaus in raffiniert konstruierten Primärverpackungen die Bühne. Das Auspacken seines iPhones aus der edel lackierten schwarzen Wellpappenverpackung zum Beispiel hat Jan Vancura als Fotoserie mit Legofiguren inszeniert und unter www.flickr.com ins Internet gestellt. Hochwertig bedruckt und veredelt eignet sich Wellpappe also perfekt für ästhetische Aufnahmen. Allerdings kann die falsche Aufmachung auch Verwirrung stiften: Der neue iPAQ 100 Series Classic Handheld von Hewlett Packard überrascht Jason Dunn mit seiner weißen Wellpappenverpackung, die eigentlich Macintosh-typisch ist. Seine Verwunderung können Interessierte in seinem Unboxing-Video auf YouTube teilen.

 

Die Lust am Unberührten

Was steckt hinter dem Drang, alle Welt am Auspacken seines neuen Spielzeugs teilhaben zu lassen? „Die Lust an der Verpackung – das ist die Augen-Lust an der Schaufensterware, am Unberührten, gepaart mit der Lust am Aufreißen, am Zur-Sache-Kommen, am Demolieren und Verletzen", sagt der Kulturwissenschaftler Ulrich Schödelbauer. Eine profanere Erklärung liefert der Blick auf unsere eigenen Erfahrungen mit Geschenken. Die Bewunderung der schönen Umhüllung, die Neugier auf den Inhalt und das Hinauszögern der Freude durch langsames Auspacken macht die Lust am Auspacken von Weihnachts- und Geburtstagsgeschenken aus. Diese Lust wollen immer mehr Menschen nicht nur zu besonderen Feiertagen, sondern öfter erleben – und mit anderen teilen. Diese Angebote zum Zuschauen werden gerne angenommen, wie die hohen Klickraten der Internet-Videos zeigen. Der Beitrag von Jason Dunn wurde allein über 42.000 Mal aufgerufen.

 

Links

http://www.unboxing.com

http://www.itsunboxed.com

http://wmexperts.com/articles/best_unboxing_ever.html

http://www.flickr.com/photos/ntr23/2436620429/in/set-

72157604712390523/

http://www.youtube.com/watch?v=PxcdcWgp6Ew

http://www.youtube.com/watch?v=dYGREMF5Rmo&eurl=

http://jackunbox.blog-spot.com/2008/11

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Martin Petrich

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