19.05.2008 – Wellpappe Report 2/2008

Kampf ums Altpapier: Gebrauchte Wellpappe ist ein gesuchter Wertstoff

Ein Supermarkt im Gewerbegebiet lange nach Ladenschluss: Im Schutz der Dunkelheit machen sich schwarz gekleidete Gestalten an Stapeln gepresster Bananenkisten, Weinkartons und Joghurt-Trays zu schaffen.

 

Wenige routinierte Handgriffe, ein paar kurze gezischte Kommandos und Augenblicke später sind die gebündelten Verpackungen im Laderaum eines Kleintransporters verschwunden.

 

Dieses Szenario von Wertstoffraub ist zwar konstruiert – vor dem Hintergrund der seit Jahren kontinuierlich steigenden Preise für Altpapier aber nicht mehr allzu weit von der Realität entfernt. Bei rund einhundert Euro pro tausend Kilo, die sich für die Zeitung von gestern oder den gebrauchten Karton erzielen lassen, nimmt der „Kampf ums Altpapier" bereits seltsame Formen an. So liefern sich private Recyclingunternehmen und Kommunen in ganz Deutschland verbissene Auseinandersetzungen über die Vorherrschaft bei der Altpapiersammlung. Der inzwischen vielumworbene Verbraucher kann sich aussuchen, wem er seine papiernen Reste zur weiteren Verwertung anvertrauen will: dem Sammellaster des Privaten, dem kommunalen Wertstoffcontainer, der Sammlung der Kirche oder des Fußballclubs.

 

In der Ausgabe vom 14. April berichtet etwa der „Spiegel" von gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen Städten und Gemeinden und Abfallkonzernen sowie regionalen Entsorgern. Von der Politik sei nach Recherchen des Magazins keine Schlichtung in dem Konflikt zu erwarten. Dort freue man sich lediglich über den Sammeleifer der Deutschen.

 

Wertpapier Wellpappe

Das Recycling von Wellpappe ist weitgehend unabhängig von der Leidenschaft des deutschen Verbrauchers fürs Wiederverwerten. Denn das Papiererzeugnis mit der Welle zirkuliert überwiegend zwischen gewerblichen Abnehmern. Doch die Lage auf dem Altpapiermarkt hat auch für die Wellpappe Folgen: Für Unternehmen, bei denen in großer Menge gebrauchte Verpackungen aus diesem Packstoff anfallen –etwa bei dem Discounter um die Ecke – wird ein Nebengeschäft zunehmend interessant: Wertpapierverkauf in Form von Wellpappe. Sortenrein erfasst und ohne Verunreinigungen sind gerade die gebrauchten Transportverpackungen und Werbeaufsteller aus dem Handel eine attraktive Quelle für den Sekundärrohstoff Altpapier.

 

Was ökologisch wünschenswert ist, hat in diesem Fall also eine besondere ökonomische Logik. Als reines Papierprodukt ist Wellpappe Teil eines seit Jahrzehnten perfekt funktionierenden Stoffkreislaufs. So meldet der Verband Deutscher Papierfabriken, dass inzwischen bereits 90 Prozent aller in Deutschland aus Papier, Karton und Wellpappe gefertigten Verpackungen recycelt werden – ein Wert der deutlich über den von der Verpackungsverordnung geforderten 70 Prozent liegt.

 

Kostensteigerung bei der Wellpappenherstellung

Über wertvolles Altpapier können sich Politik, Verbraucher und „Anfallstellen" wie Handelsunternehmen freuen. Zur Herausforderung wird diese Entwicklung allerdings für die Wellpappenindustrie. Rund 50 Prozent der Kosten für die Wellpappenherstellung entfallen auf die Beschaffung des Wellpappenrohpapiers. Und mit über 80 Prozent ist der Anteil der Sorten auf Altpapierbasis besonders hoch. Wenn gerade dieser Rohstoff zunehmend zum „Papiergeld" wird, wie Journalisten inzwischen das umkämpfte Altpapier nennen, dann kann das nicht ohne Folgen für die Abgabepreise für Wellpappe sein.

 

Allein im Jahr 2007 hat sich nach Angaben des Verbandes der Wellpappen-Industrie e.V. (VDW) die Beschaffung des Wellpappen-rohpapiers über alle Sorten hinweg um 17,3 Prozent verteuert. Seit September 2005 sind die Papierpreise aller Sorten sogar um 50,7 Prozent gestiegen. Eine Entwicklung, deren Ende noch nicht abzusehen ist: „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Unternehmen unserer Industrie auch in diesem Jahr versuchen werden, einen Teil der gestiegenen Kosten an ihre Kunden weiterzugeben", so der Vorsitzende des VDW, Norbert Julius, anlässlich der Jahrespressekonferenz des Verbandes am 13. März.

 

Auch wenn die Verarbeiter von Produkten auf Altpapierbasis unter den gestiegenen Preisen stöhnen – für Nutzer der Wellpappe bleiben die entsprechenden Verpackungen eine ökonomisch besonders vorteilhafte Lösung. Schließlich werden systembedingte Vorteile wie Effizienz bei Materialeinsatz und Raumnutzung sowie Mehrwertleistungen in Logistik und Verkaufsförderung bei der Wellpappe gleich mitgeliefert. Handelsunternehmen, die gebrauchte Wellpappenverpackungen erfassen und an Altpapierhändler abgeben, können indessen den „Kampf ums Altpapier" gelassen beobachten. Anders als bei der haushaltsnahen Sammlung ist ihnen das Wertstoffgeschäft nicht streitig zu machen. Es sei denn, jemand schleicht sich nachts auf den Hof.

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Martin Petrich

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